Ein Geräusch mit 65 dB Pegel kann „angenehm leise" oder „unerträglich quietschend" sein – derselbe Pegel, völlig unterschiedliche Wahrnehmung. Klassische Akustik-Pegelmessung erfasst diesen Unterschied nicht. Psychoakustik schon.
Warum dB nicht reicht
Der Schalldruckpegel in dB(A) ist linear-frequenzgewichtet und gut für Arbeitsschutz – aber er ignoriert Maskierungseffekte, spektrale Verteilung und zeitliche Modulation. Genau diese Aspekte bestimmen, ob ein Produkt „premium" oder „billig" klingt.
Die vier wichtigsten psychoakustischen Größen
1. Lautheit nach Zwicker (ISO 532-1 / DIN 45631)
Bewertet die wahrgenommene Lautstärke in sone. 1 sone entspricht der Lautheit eines 1 kHz-Tons mit 40 dB Pegel. Doppelte Lautheit = doppelter sone-Wert.
Berechnung: Aufteilung des Spektrums in 24 Bark-Bänder, Kompression nach gehörphysiologischer Kennlinie, Aufsummierung mit Maskierungstermen.
N′(z) ist die spezifische Lautheit pro Bark
2. Schärfe (acum)
Quantifiziert den Anteil hochfrequenter Energie. 1 acum = Schmalbandrauschen bei 1 kHz, 60 dB. Werte über 2 acum klingen „spitz", „scharf" – typisch für Whining-Anteile in E-Antrieben.
3. Rauigkeit (asper)
Misst schnelle Amplitudenmodulationen (15–300 Hz Modulation). Verursacht den Eindruck von Rasselsignalen oder Brummen. 1 asper = 60 dB-Ton bei 1 kHz, 100 % moduliert mit 70 Hz.
4. Schwankungsstärke (vacil)
Misst langsame Amplitudenmodulationen (≤ 20 Hz). Wichtig für die Beurteilung von Schwellgeräuschen, etwa bei Lüftern.
Was sieht das Modell, was wir nicht sofort hören?
Beispiel: Zwei Wasserpumpen mit identischem dB(A)-Pegel. Pumpe A erzeugt 14 sone, Pumpe B nur 9 sone. Pumpe B wirkt subjektiv leiser – weil ihre Energie überwiegend in einem Bark-Band liegt, das vom benachbarten Band maskiert wird. Klassische Pegelmessung würde das nicht zeigen.
Anwendung in der Qualitätssicherung
Psychoakustische Größen sind ideal als Komfort-Akzeptanzkriterien:
- Sitzversteller: Lautheit < 8 sone, Schärfe < 1,8 acum
- Lüfter: Schwankungsstärke < 0,5 vacil
- E-Antrieb-Whining: Schärfe als zusätzliches Kriterium neben dB(A)
Echtzeit-Berechnung in SonicTC
Die Modelle nach Zwicker sind rechenintensiv – die Aufteilung in 24 Bark-Bänder, die Maskierungs-Faltungen und die nichtlinearen Kompressionen beanspruchen klassisch ~20 ms pro Sekunde Audio. SonicTC nutzt eine FPGA-beschleunigte Implementierung, die alle vier Kenngrößen mit < 2 ms Latenz im Inline-Takt liefert.
Normen im Überblick
| Norm | Größe | Status |
|---|---|---|
| DIN 45631 | Lautheit (Zwicker) | Klassiker DE |
| ISO 532-1 | Lautheit (Zwicker) | internationaler Standard |
| ISO 532-2 | Lautheit (Moore-Glasberg) | alternativ, gehörnaher |
| DIN 45692 | Schärfe | Standard |
| ECMA-74 | Akustische Geräte | IT-Branchenstandard |
Fazit
Psychoakustische Kenngrößen sind kein „Nice-to-have", sondern für komfortrelevante Produkte (Automotive, Haushalt, Medizintechnik) zwingend. Sie übersetzen Physik in Wahrnehmung – und genau das ist die Sprache des Kunden.